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Von Engeln und Teufeln

„Kannst du mir bitte mal erklären, was das eben sollte, Raven?“

Betreten scharrte der Jungengel mit den Füßen in einer Schäfchenwolke.

„Nein.“

„Was hast du gesagt? Ich kann dich nicht verstehen.“

„Nein, Petrus.“

„Du kannst doch nicht einfach zu deinem Schützling sagen, er soll die Schokolade einstecken, ohne zu bezahlen. Wie willst du denn jemals ein richtiger Schutzengel werden?“

„Will ich ja gar nicht“, flüsterte Raven, aber nicht leise genug, Petrus hatte sehr wohl verstanden, was der kleine Engel da von sich gegeben hat.

Der Himmelschef atmete tief durch und sagte in ruhigem Ton, was ihm sichtlich schwer fiel:

„Nimm dir eine große flauschige Wolke und putze den großen Wagen, aber gründlich und  vergiss die Speichen nicht.“

Die anderen Jungengel standen in einiger Entfernung und lachten schadenfroh. Ja, auch Engel sind nicht gleich zu Anfang nur hilfreich und gut. Um zu einem richtigen edelmütigen Engel zu werden, braucht es eine jahrhundertlange Schule.

Eowyn hatte wohl ein wenig zu laut gelacht, denn Petrus rief mit zusammengezogenen Augenbrauen: „Eowyn, wenn das alles so lustig ist, kannst du Raven ja beim Putzen helfen. Ihr anderen wascht euch die Hände, bevor ihr euch an den Tisch setzt. Los, los, die Sternchensuppe wird sonst kalt.“

Ein paar Etagen tiefer, nein, viele Etagen tiefer, spielte sich eine ähnliche Szene ab.

„Ich bin sehr enttäuscht von dir, Konny. Wie konntest du nur? Der Junge hatte die Schokolade schon fast gestohlen, was nicht dein Verdienst war, da flüsterst du ihm ins Ohr, er soll sie wieder ins Regal legen. So wirst du niemals ein hinterlistiger Teufel werden.“

Das kleine Teufelchen rieb seine beiden großen Zehen aneinander (kleine Teufelchen habe noch keinen Huf und keinen Schwanz), und druckste herum: „Ich wollte, ich dachte ....“

„Ich denke, du nimmst dir einen schmutzigen Lappen und verteilst etwas Ruß auf den neuen Kesseln“, dröhnte mit tiefer Stimme Diabolo. Die anderen Teufelchen lachten und freuten sich, dass Konny Kessel rußen musste. Nur, hier wurde niemand für seine Schadenfreude bestraft.

Zwei Tage später, die kleine Momo spielte mit ihrer Freundin Kasey im Sandkasten. Auf ihrer rechten Schulter saß Engelchen Raven und zischte Momo ins Ohr: „Los, hau ihr die Schaufel auf den Kopf.“

Momo hob die Schaufel hoch, aber bevor sie zuschlagen konnte, flüsterte Teufelchen Konny auf der linken Schulter: „Halt, tu´s nicht, Kasey ist doch deine Freundin.“

Engelchen Raven: „Hau zu!“

Teufelchen Konny: „Nein, nicht!“

So ging das ein paar Mal hin und her, bis Momo die Schaufel hinter sich warf und die beiden von ihrer Schulter schüttelte. Während Kasey und Momo zusammen eine Sandburg bauen, fauchte Raven Konny an: „Nimm deinen Fuß aus meinem Gesicht.“

 

 

 

„Und du gib sofort meinen Heiligenschein her.“

Dabei zerrte sie an Konnys winzigen Hörnern herum, doch der goldene Kranz hatte sich so verheddert, dass sie Angst hatte, ihn zu zerreißen. Petrus würde sie Sterne polieren lassen, bis ihre Finger wund waren.

„Und jetzt?“

„Weiß ich auch nicht.“

„Am besten, wir gehen einfach nach hause und tun so, als ob nichts wäre.“

„Da kennst du Petrus aber schlecht, der lässt mich den ganzen Himmel blank putzen. Jo jo.“

„Du darfst putzen? Ach, wie schön. Ich muss immer überall Ruß verteilen. Bei uns ist alles schmutzig.“

Raven strahlte über das ganze Gesicht. „Du musst nicht putzen, du darfst Schmutz verteilen? Das möchte ich auch mal gerne machen. Ich hab` eine Idee. Ich verteile etwas von deinem Ruß in meinem Gesicht, und du wäschst dich blitzblank sauber. Dann gehst du runter und ich hoch.“

Raven war so begeistert von ihrer Idee, dass sie tatsächlich glaubte, niemand würde etwas merken.

Doch Konny war gerade durch die Himmelspforte geschlüpft, da schrie Aragorn, der Türwächter: „Ein Teufel, ein Teufel!“

Sofort schwebte Flyingangel mit ihrer Himmelsgarde heran und nahm das kleine Teufelchen gefangen.

Ganz unten lief es ähnlich. Natürlich kam Raven nicht weit. Fanta, die Oberteufelin (ja, ja, die Gleichberechtigung war bis in die Hölle vorgedrungen), zog Raven am Ohr bis zum höchsten Chef und lachte dabei hämisch: „Hähä, dafür wirst du einige Jahre im  Gemeinschaftskessel schwitzen.“

Petrus und Diabolo trafen sich daraufhin zu einer Besprechung, und nach einigem hin und her, entschlossen sie sich zu einem Schüleraustausch. Nur für ein paar Jahrhunderte.

Ein paar Jahre waren vergangen, Konny ging in ihrer neuen Rolle als Engelchen voll auf. Sie war fleißig, hilfsbereit und gut. Eines Morgens fragte Sunny: „Sag mal, wo sind denn deine Hörner geblieben?“

Schnell sprang Konny zu dem großen Stern, den sie eben erst blank poliert hatte und betrachtete sich von vorn und hinten. Da sah sie auf ihrem Rücken zwei kleine Flügel wachsen.

In der Vorhölle wollte sich Raven gerade auf Phinchen werfen und sie ordentlich verprügeln, da schnappte Sunny nach dem kleinen Schwänzchen, das da plötzlich aus Ravens Po spross. „Was ist denn das? Du bekommst ein Teufelsschwänzchen.“

Vor Überraschung fasste sich Raven an den Kopf und spürte mit ihren schmutzigen Fingern zwei kleine Beulen – Hörner.

Petrus und Diabolo trafen sich wieder mal zu einer Besprechung.

„Wir sehen uns oft in letzter Zeit“, meinte Petrus.

„Ja, das ist schon das zweite Mal in 100 Jahren.“

Zunächst tauschten sie ein paar Höflichkeitsfloskeln aus, dann kamen sie zum Kern der Sache, und es erging folgender Beschluss: Raven wird zum Teufel auf ewig, und Konny wird der Status Schutzengel im dritten Rang zugesprochen.

Sollte einmal ein Mensch von Zweifeln hin und her gerissen sein, dann sitzen bestimmt Konny und Raven auf seiner Schulter und erlauben sich einen Spaß.