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Die Traumfänger

Nachts, wenn es dunkel ist und alles still, wenn die Kinder schlafen und die Vögel ihre Köpfchen unter die Flügel gesteckt haben, dann sind die Traumfänger unterwegs. Sie sehen fast genauso aus wie Schornsteinfeger, tragen schwarze Kleidung, und zu ihrer Ausrüstung gehören ein Besen und ein großer Sack. Darin werden die geträumten Träume gefangen, damit Platz ist für neue Träume. Ein Fänger muss auch kräftig sein, denn in einer Nacht kommt schon einiges zusammen, und so ein Sack voller Träume ist recht schwer.

Im Winter, wenn es draußen kalt und stürmisch ist, sind die Träume etwas düsterer und es heißt, den einen oder anderen  Alptraum einzufangen. Im Sommer sind die Träume leichter, man träumt von Sonne und Urlaub, von Liebe und Glück, von Hitzefrei und Eis.

Heute, an einem lauen Frühlingsabend, gab`s querbeet grad alles. Die Traumfänger hatten einiges zu tun und sprangen von Dach zu Dach und von First zu First. Wenn ein Traum sehr hartnäckig war, mussten sie sogar bis zum Fenster hinunter steigen. Da es in manchen Nächten aber unheimlich viele Träume gibt, kann es schon mal vorkommen, dass einige davon nicht eingefangen werden. Das sind dann die Träume, an die man sich am nächsten Morgen noch erinnern kann, aber meistens wird ein Traum sofort wieder vergessen. Und das ist auch gut so, denn es muss Platz geschaffen werden, für neue Träume. Ohne Träume kann ein Mensch nicht leben, ja, er würde sogar krank werden.

Gerade eben hatte Traumfängerin Eowyn einen besonders langen Traum eingefangen, und sie setzte sich zu einer kleinen Pause auf den Schornstein des Daches, auf dem sie gerade stand. Da hörte sie ein Wimmern. Es hörte sich recht kläglich an, und deshalb ging sie zum Dachrand und beugte sich nach unten. Da, jetzt hörte sie es wieder, aber es war zu leise, sie konnte nicht erkennen, woher es kam. Also ließ sie sich an der Dachrinne hinunter. Es kam aus einem Fenster, rechts von ihr. Mit einem Satz war sie auf dem Fenster-sims und schob vorsichtig das Fenster auf. Da konnte sie den Traum schon sehen, er begann gerade Gestalt anzunehmen, und er war nicht gut. Er schwebte über einem kleinen Mädchen und dehnte sich langsam zu einem Alptraum aus. Das Mädchen hieß Josephinchen und träumte von ihrer kleinen Ratte Sunny, die seit dem Morgen vermisst wurde. Überall hatte Josephinchen gesucht, aber Sunny war nirgends zu finden. Jetzt träumte sie von Nachbars Katze Fantasmita. Sie stellte sich vor, wie Fanta ihre kleine Sunny gefangen und dann verspeist hatte. Grausam, ganz grausam.

Eowyn hatte Mitleid und fegte den unseligen Traum kurzerhand in ihren Sack. Josephinchen atmete tief durch und drehte sich auf die Seite, aber da fing schon der nächste Traum an, sich zu entfalten. Diesmal träumte sie von den beiden Kindern, Raven und Kasey, die im Haus nebenan wohnten. Die hatten Sunny im Garten gefunden und mitgenommen, sie in einen kleinen dunklen Schuhkarton gesteckt und auf den Boden ihres Kleiderschrankes gestellt. Ach Gott, die arme Sunny, was musste sie für eine Angst haben. Wieder fing Josephinchen an zu wimmern, und Eowyn fegte auch diesen Traum in ihren Sack. 

Wenn das so weitergeht, dann kann ich die ganze Nacht hier verbringen, dachte sie. Deshalb nahm sie die Pfeife, die ihr um den Hals hing und blies kurz hinein. Der Ton war nur von Traumfängern zu hören, eventuell noch von dem einen oder anderen Tier, wie zum Beispiel einer Fledermaus.     

Sofort kam Flyingangel die Dachrinne herunter und wollte wissen, was los war. Eowyn schilderte die Lage und Flyingangel machte den Vorschlag, Konny zu fragen. Die hatte nämlich auf dem Nachbardach gearbeitet und konnte vielleicht etwas über die Träume von den beiden Kindern Raven und Kasey erzählen. Aber leider war kein Traum von einer Ratte dabei.

Da konnte nur noch Momo helfen. Die konnte etwas sehr Seltenes. Wenn sie sich ganz fest konzentrierte, dann konnte sie die Träume der Tiere sehen. Also, noch ein Pfiff und schon kam Momo neugierig herunter geklettert. Langsam wurde es eng auf dem Fenstersims. Momo wurde aufgeklärt und sogleich machte sie sich daran Tierträume zu finden. Sie setzte sich konzentriert hin und schloss die Augen. Die anderen waren mucksmäuschenstill.

Da! Ach nein, das war eine andere Ratte. Die träumte von einem vollen Futternapf. Außerdem hieß sie nicht Sunny, sondern Rocky.

Jetzt, jetzt hatte sie einen Traum von einer kleinen verängstigten Ratte, die im Keller saß und von einem Mädchen namens Josephinchen träumte, von einem großen Käfig und ihren Schwestern, von einem warmen Häuschen und Geborgenheit. Hier war es dunkel, kalt und unheimlich.

Momo erzählte aufgeregt von dem armen Rattie. Jetzt mussten sie es nur noch schaffen, Phinchen den Traum von Sunny träumen zu lassen. Dafür musste der Rattentraum eingefangen und über Josephinchen wieder freigelassen werden. Das war nicht so einfach, denn für Tierträume gibt es eigene Traumfänger. Außerdem konnten sie ja nicht alle ihren Arbeitsplatz verlassen, deshalb wurde Momo geschickt, um mit dem entsprechenden Tiertraumfänger zu reden.

Nach nur zehn Minuten war sie wieder da, den kleinen Rattentraum im Sack. Sie kletterte in Phinchens Zimmer und scheuchte den Traum über das Bett. Sofort fing das kleine Mädchen an zu träumen. Als es zu Ende geträumt hatte, schlug es die Augen auf und die Bettdecke zurück, lief in das Schlafzimmer ihrer Eltern und gab solange keine Ruhe, bis der Vater mit ihr in den Keller hinunter stieg. Ganz hinten, unter einem alten Schrank, fanden die beiden dann Sunny, zitternd vor Angst.

Als am Morgen die Sonne aufging, konnten sich sehr viele Menschen an ihre nächtlichen Träume erinnern, waren doch die Traumfänger die halbe Nacht damit beschäftigt gewesen, die Welt der kleinen Josephine wieder in Ordnung zu bringen.

Also, Leute, wenn ihr euch an euren Traum erinnern könnt, war euer Traumfänger wohl mit anderem beschäftigt.