Die alte Eiche
Gekrümmt stand er da. Sein Rücken war steif und starr. Bei jeder Bewegung ächzte und stöhnte es im Geäst. Die Kälte tat ihm in den Gliedern weh, und die Hitze ließ ihn ausdörren. So viele Jahre schon hatte seine mächtige Krone im Sommer Schatten gespendet und den Vögeln und anderen Tieren Unterschlupf gewährt. Im Winter verkrochen sich in den Astlöchern und in seinen Wurzeln Kleintiere, um der Kälte zu entrinnen. Wanderer hatten es sich an seinem Fuß bequem gemacht, und er konnte so manche Geschichte erzählen. In lauen Sommernächten musste er den jungen Birken und Tannen um ihn herum erzählen, wie es vor hundert Jahren war. Die Luft war damals weicher, sauberer. Es gab viel mehr Vögel und Tiere im Wald, und im Herbst kamen immer die Menschen, um seine Eicheln aufzusammeln, die sie dann an ihre Schweine verfütterten. Aber schon lange kam niemand mehr. Schweine werden heute in Mastanlagen gehalten und schon gar nicht werden sie mit Eicheln gefüttert. Auch die Kinder kletterten nicht mehr in seinen Ästen herum, und wann das letzte Picknick unter seiner Krone stattgefunden hatte, wusste er auch nicht mehr zu sagen.
Aragorn, der mächtige Eichenbaum schüttelte sein Laub und die ersten bunten Blätter segelten zu Boden. Herbst lag in der Luft, er konnte es riechen - und spüren. Was würde der Winter bringen?
„Aragorn“, zwitscherte es da links von seiner Nase. „Aragorn, hast du schon gehört?“ Ein kleiner Sperling hüpfte auf einem seiner Äste auf und ab. „Sie sind wieder unterwegs. Wen wird es diesmal treffen?“
„Na, Sunny, bist du wieder als Nachrichtensprecher unterwegs? Was hast du mir zu erzählen?“ brummte die Eiche.
„Sie sind wieder unterwegs, die Holzfäller. Sie haben schon am Waldrand einige Bäume gefällt.“
„Ach, solange sie nur kranke Bäume fällen, ist es in Ordnung. Weißt du, wenn man vom Ungeziefer aufgefressen oder einem von Pilzen die Luft zum Atmen genommen wird, ist so ein schneller Tod einem langsamen Dahinsiechen doch vorzuziehen.“
„Ja, aber diesmal nehmen sie auch junge kräftige Bäume. Ich hab´s gesehen. Eowyn, die schlanke hübsche Birke hat es getroffen, sie liegt gefällt am Boden. Und auch ihre Schwester Kasey, die lebenslustige Kasey ist nicht mehr. Ich habe Angst Aragorn. Ich habe Angst, dass sie uns unseren Lebensraum nehmen. Von Jahr zu Jahr wird es schlimmer.“
„Mach dir keine Sorgen, kleine Sunny, es wird schon alles gut werden.“
„Ich muss weiter. Ich fliege auch zu Fantasmita, soll ich ihr etwas von dir ausrichten?“
„Sag ihr, dass es mir gut geht.“ Fantasmita ist eine große Tanne und steht in der Mitte des Waldes. Sie ist fast so alt, wie er. Sie haben sich zwar nie gesehen, wussten aber, dank der Tiere des Waldes, alles voneinander. Als er Sunny nur noch als einen kleinen Punkt am Himmel sehen konnte, seufzte er tief auf. Oh, er machte sich Sorgen, große Sorgen sogar. Er war tief in Gedanken versunken, deshalb hörte er das Rascheln und die Stimmen erst, als sie schon ganz in seiner Nähe waren.
„Da, die alte Eiche, die sollten wir auch fällen“, sagte eine Männerstimme.
„Sag mal, spinnst du? Dieser Baum ist mehr als hundert Jahre alt. So was fällt man doch nicht so einfach“, schnaubte eine andere männliche Stimme entrüstet.
Jetzt konnte er die Männer sehen. Sie trugen Äxte und eine Motorsäge bei sich.
„Na schau doch mal genau hin. Da zwischen den Astgabeln sitzen Pilze und außerdem sieht er gar nicht gesund aus, so dörr und ausgetrocknet. Besonders viele Blätter hat er auch nicht.“
„Trotzdem, ich rühre ihn nicht an.“
„Brauchst du auch nicht, ich mach das schon.“ Sprach`s, warf die Motorsäge an und schnitt Aragorn ins Holz. Er stöhnte auf, aber die Säge setzte ihr Zerstörungswerk fort. Er schüttelte sich, wollte sich wehren, aber er hatte keine Chance. Laut schrie er seinen Schmerz hinaus. Die Vögel des Waldes flogen erschrocken auf und die Rehe hörten zu äsen auf. Die Wildschweine, die Hasen, die Eichhörnchen, alle Tiere des Waldes hielten erstarrt inne. Dann war es still.
Als die Menschen gegangen waren, kamen die Tiere vorsichtig herbei. Und da sahen sie ihn liegen, er, der schon immer hier war, war nicht mehr. Er lag auf der Seite. Seine mächtige Krone hatte im Fallen einige kleinere Bäume mit sich gerissen.
„Mami, was ist mit Aragorn?“ fragte Konny, das junge Rehkitz. „Warum steht er nicht auf?“
Momo wollte von ihrer Mutter wissen: „Erzählt uns Aragorn heute abend keine Geschichte?“
„Nein, meine Kleine, Aragorn wird uns nie mehr Geschichten erzählen. Komm, gehen wir nach hause.“
Josephinchen, Hafi, Zicke und Samson, die Hasenkinder hoppelten vorsichtig zum Stamm. Hafi stieß sanft mit ihrem Näschen an die Rinde. „Steh auf, Aragorn, du machst uns Angst.“ Aber auch das größte Bitten half nichts. Samson und Raven, die beiden Eichhörnchen, standen ganz unglücklich da. Wo sollten sie in Zukunft ihre Vorräte lagern und vor allem, wer passte darauf auf? Mayroh, die Spinne saß zitternd auf einem Blatt und konnte es noch gar nicht fassen. Herr Manius, der alte Brummbär, hatte Tränen in den Augen, als er sich umdrehte und mit hängenden Schultern von dannen trottete.
In der Nacht, als keines der Tiere mehr da war und nur der Mond seinen Schein auf den liegenden Baum fallen ließ, schwebte ein heller Schein über Aragorn. Flyingangel, die Fee des Waldes nahm seine Seele mit. Sie machte eine leichte Handbewegung und plötzlich durchbrach ein winziges Pflänzchen den Waldboden. Eine Eichel hatte es geschafft und machte sich daran, langsam, ganz langsam, den Platz von Aragorn einzunehmen. Oh, sie hatte alle Zeit der Welt. In einigen Jahren würde sie eine kräftige Eiche sein, und die Tiere des Waldes würden sich um sie scharen, damit sie ihnen Geschichten erzählen konnte. Ob sie sich an den Tag ihrer Geburt erinnern würde?
Mit einem Lächeln schwebte Flyingangel davon.