Freundschaft
Ein kleiner Junge saß auf einem Hügel. Die Ebene vor ihm flimmerte vor Hitze. Der Junge verhielt sich ganz still, denn sein Freund, der große alte Elefant stand unter den wenigen Bäumen und döste vor sich hin. Mit seinen riesigen Ohren wedelte der Graue hin und her, wohl um sich Luft zuzufächeln oder um die Fliegen zu vertreiben oder beides.
Schon sehr lange Zeit hielten die beiden Zwiesprache miteinander. Immer wenn er Zeit hatte, kam der kleine Junge zu dem Hügel. Manchmal war der Graue schon da, und manchmal musste er warten, aber nie sehr lange. Man könnte fast meinen, die beiden würden sich absprechen, in Gedanken. Vielleicht taten sie das auch.
Es ist schon eine Weile her, da saß der Junge auf dem Hügel und plötzlich bebte die Erde. Ein riesiger Elefant kam stampfend durchs Unterholz geprescht. Sein Rüssel peitschte wütend hin und her. Zuerst war der Junge furchtbar erschrocken, aber nach einiger Zeit konnte er sehen, dass der Elefant humpelte und hatte nur noch furchtbares Mitleid. Er richtete sich langsam aus seiner Sitzposition auf und begann leise zu singen. Mit lautem Trompeten schoss der Elefant geradewegs auf den kleinen Jungen zu, so, als wolle er ihn niedertrampeln.
Dieser blieb aber ruhig stehen und sang weiterhin sein Lied. In letzter Sekunde, so sah es jedenfalls aus, stoppte der Riese, schüttelte seinen großen Kopf und stampfte ein paar Schritte rückwärts. Anscheinend konnte er es nicht verstehen, dass dieses kleine Menschlein so unerschrocken seinem drohenden Gehabe gegenüber stand.
Also versuchte er es noch einmal. Diesmal konnten sie sich fast berühren, so nah standen sich die zwei gegenüber. Der kleine Junge schaute dem großen Tier geradewegs in die Augen, und da erkannten die beiden den Freund im anderen. Ganz sachte fuhr der Graue mit seinem Rüssel über das Gesicht des Jungen und ebenso sachte streichelte der Junge über die rauhe rissige Haut seines Gegenübers. Dann stieg er von dem Hügel herunter und besah sich das kranke Bein. Ein Dorn stak darin und die Stelle hatte schon angefangen zu eitern. Langsam und vorsichtig zog er den Dorn heraus. Der Elefant bewegte sich nicht. Dann lief der Junge zu den Sträuchern, riss einige Blätter ab und begann sie zu zerkauen. Diesen grünen Brei schmierte er auf die Wunde.
Nach einer Woche, der Junge bestrich das Bein täglich mit frischem Brei, begann die Wunde zu heilen. Das war der Beginn einer innigen Freundschaft. Ohne den Jungen wäre der Elefant zum Tode verurteilt gewesen und grad so, als wenn er das wüsste, zeigte er seine Dankbarkeit, indem er immer dann zu dem Hügel kam, wenn der Junge auch da war. So verbrachten sie einige Zeit miteinander, in beiderseitigem Verstehen. Manchmal sang der Junge auch ein kleines Lied. Dann stand der Graue da und legte seinen Rüssel auf den Kopf des Jungen.
Viele Jahre später, aus dem Jungen war mittlerweile ein stattlicher Mann geworden, trafen die beiden sich immer noch bei dem Hügel. Auch wenn der junge Mann eine längere Zeit nicht kommen konnte, immer dann, wenn er da war, kam auch der Elefant.
Eines Tages, der junge Mann saß schon auf dem Hügel, kam der Graue laut trompetend heran, stoppte plötzlich und warf seinen Rüssel aufgeregt in die Luft.
Sein Freund hatte etwas auf dem Arm, etwas Fremdes. Ein Bündel das sich bewegte und seltsame Laute von sich gab. Diese Bündel legte er vor dem Grauen auf den Boden. Plötzlich wurden diese Laute immer schriller, durchschnitten die Stille der Landschaft und schreckten alle Vögel auf. Da legte der große Elefant dem winzigen Menschenkind seinen Rüssel auf den Kopf und augenblicklich kehrte Ruhe ein.
Ein kleiner Junge saß auf einem Hügel. Die Ebene vor ihm flimmerte vor Hitze. Der Junge sang ein Lied und unter den Bäumen stand ein großer alter Elefant und fächelte sich mit seinen Ohren Luft zu. Vielleicht vertrieb er aber auch nur die Fliegen, wer weiß.